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Die Grundlagen stärken
Hier erhalten Sie einen Überblick über die Förderprojekte der Deutschen Stiftung Magersucht.

Interview

„Wir hätten diese wissenschaftliche Qualität nie erreichen können"

Interview mit Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann zur Revision der S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“

Die Deutsche Stiftung Magersucht fördert die Überarbeitung der S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Essstörungen. Federführend ist Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann, die die Revision für die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) koordiniert. Im Gespräch erklärt sie, warum die Überarbeitung so aufwendig ist, was sich durch die internationalen GRADE-Kriterien verändert hat, welche Rolle Betroffene und Angehörige dabei spielen – und warum Forschung zu Essstörungen auf unabhängige Förderung angewiesen ist.

Das Interview führte Carina Helfers für die Deutsche Stiftung Magersucht.

Warum die Leitlinie überarbeitet wird

Deutsche Stiftung Magersucht: Sie leiten die Überarbeitung der S3-Leitlinie zu Essstörungen. Warum war eine Revision jetzt notwendig?

Prof. Herpertz-Dahlmann: Leitlinien haben eine Gültigkeitsdauer von fünf Jahren, das ist verbindlich vorgegeben. Die letzte Fassung wurde 2018 publiziert, unsere Frist ist also bereits 2023 abgelaufen. Ende 2023 haben wir mit der Revision begonnen. Aber das ist heute ein sehr komplexer Vorgang, der viel Zeit erfordert. Fertiggestellt sind wir deshalb noch nicht – wir gehen aber davon aus, dass die Leitlinie bis Ende dieses Jahres vorliegt.

Was bedeutet „S3″ eigentlich? Warum ist dieser Qualitätsstandard so wichtig?

Eine S3-Leitlinie ist die höchste Qualitätsstufe, die eine Leitlinie erreichen kann. Es geht dabei nicht mehr nur um den Expertenkonsens, also darum, dass bestimmte Fachleute der Meinung sind, eine Maßnahme sei für Betroffene die beste. Bei einer S3-Leitlinie sind wir verpflichtet, für unsere Empfehlungen grundsätzlich eine wissenschaftliche Grundlage darzulegen. Das heißt: Wir müssen Metaanalysen und randomisiert kontrollierte klinische Studien systematisch auf ihren wissenschaftlichen Standard hin überprüfen lassen. Eine spezialisierte Firma sichtet dafür, inwieweit die einzelnen Studien bestimmte Qualitätskriterien einhalten. Diese Bewertung geht dann in unsere Empfehlungen ein.

An dieser Stelle sind wir der Deutschen Stiftung Magersucht sehr dankbar. Wir hätten diese wissenschaftliche Qualität nie erreichen können, wenn uns nicht die Mittel zur Verfügung gestellt worden wären, um diese Analysen durchführen zu lassen.

Welche Themen standen bei der aktuellen Revision besonders im Fokus?

Das ist nicht ganz leicht zu beantworten, weil sich die Leitlinie ja nicht nur auf die Anorexia nervosa bezieht, sondern auf alle Essstörungen. Wir haben eine umfassende Revision für die Binge-Eating-Störung und für die Bulimia nervosa vorgenommen. Zusätzlich haben wir neue Krankheitsbilder aufgenommen, insbesondere ARFID – eine vermeidend-restriktive Essstörung, die inzwischen in den Klassifikationsmanualen auftaucht. Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen davon betroffen sind, deshalb haben wir uns entschieden, auch dafür Behandlungsempfehlungen zu entwickeln.

Hinzugekommen sind außerdem spezifische Kapitel, zum Beispiel zur Behandlung von Männern und Jungen mit Essstörungen oder zu sehr speziellen Fragestellungen wie Essstörungen nach bariatrischer Chirurgie, also nach operativen Eingriffen am Magen zur Gewichtsreduktion.

Und mit Blick speziell auf die Anorexia nervosa?

Da haben wir uns noch einmal sehr fokussiert auf die Evaluation psychotherapeutischer Behandlungen – dazu war bereits in der Vorgängerleitlinie einiges geleistet worden. Frau Prof. Almut Zeeck aus Freiburg und Herr Prof. Stefan Ehrlich aus Dresden haben sich besonders um die Leitlinie zur Anorexia nervosa verdient gemacht. Dadurch konnten beide Altersspektren – Erwachsene sowie Jugendliche – hervorragend berücksichtigt werden. Neu ist eine tiefgreifende Analyse der Frage, inwieweit eine hormonelle Behandlung hilfreich ist, etwa zur Vorbeugung einer Beteiligung der Knochen. Wir befassen uns außerdem mit der Wirksamkeit medikamentöser Therapien und – was Kinder und Jugendliche betrifft – mit der Bedeutung der Eltern.

Betroffene und Angehörige sind an der Leitlinienarbeit beteiligt. Wie muss man sich das vorstellen?

Das ist mittlerweile eine Forderung der AWMF, und wir setzen sie sehr intensiv um. Früher waren Betroffene vor allem bei der abschließenden Konsensuskonferenz dabei. Heute sind Betroffene und Angehörige von Anfang an in den Prozess eingebunden. Sie erleben die Entstehung jeder einzelnen Empfehlung mit und geben uns Rückmeldung, ob sie diese hilfreich finden oder nicht.

In der Gruppe zur Anorexia nervosa arbeiten Angehörige mit sowie zwei Menschen, die selbst erkrankt waren. Auch in der ARFID-Gruppe sind Angehörige und Betroffene vertreten. Bei der Anorexia nervosa ist eigentlich in jeder Videokonferenz jemand dabei.

Das heißt natürlich nicht, dass wir alles im Konsens entscheiden könnten, wenn sich Positionen widersprechen würden. Aber ich muss sagen: Es ist bisher eine unglaublich gute Zusammenarbeit. Wenn ich von anderen Leitlinien höre, ist es dort zum Teil deutlich schwieriger. Wir müssen manchmal Dinge ausdiskutieren – aber wir haben bislang keine einzige Empfehlung, bei der die Betroffenen ein Minderheitenvotum abgegeben hätten. Wir sind immer zu einem Konsens gekommen. Darüber bin ich sehr froh.

Im Förderantrag steht, dass nach internationalen GRADE-Kriterien bewertet wird. Können Sie medizinischen Laien kurz erklären, was das bedeutet?

Im Kern ist es das, was ich eben beschrieben habe: Studien beziehungsweise Metaanalysen werden auf bestimmte wissenschaftliche Kriterien hin überprüft. Wurde zum Beispiel vorab ein eindeutiges Kriterium für den Behandlungserfolg festgelegt? Ist das Ergebnis durch die angewandte Statistik tatsächlich gestützt? Das sind rein wissenschaftliche Fragestellungen.

Der große Unterschied zu früher – da haben wir nach den sogenannten Oxford-Kriterien beurteilt – ist, dass nach GRADE immer nur ein einziges Erfolgskriterium bewertet wird. Nehmen Sie eine Studie zur Anorexia nervosa, die herausfinden möchte, ob eine bestimmte Therapie zu einer Gewichtszunahme führt, und die zugleich untersucht, ob die Patientinnen und Patienten danach weniger depressiv sind. Früher konnten wir diese Studie als Ganzes beurteilen. Das dürfen wir jetzt nicht mehr, sondern wir müssen jedes Ergebnis getrennt betrachten.

Das heißt, die Aussage lautet künftig nicht mehr „diese Studie ist gut“, sondern „für dieses Ergebnis ist die Evidenz gut“?

Genau. Wir müssen prüfen, ob eine Studie Hinweise darauf liefert, dass die Depression wirksam behandelt wurde – und getrennt davon, ob das für die Gewichtszunahme gilt. Ein allgemeines Statement über die Qualität einer Arbeit dürfen wir nicht mehr abgeben. Das ist auch inhaltlich eine wichtige Fragestellung: Hilft eine Behandlungsmethode vor allem dabei, das Gewicht zu stabilisieren? Oder hilft sie vor allem gegen die depressiven Symptome? Bei bestimmten psychotherapeutischen Verfahren kann genau das der Fall sein.

Warum ist es so anspruchsvoll, in der Essstörungsforschung eine hohe Evidenz zu erreichen?

Das ist tatsächlich sehr schwierig, und es gibt mehrere Gründe. Zum einen hat die Anorexia nervosa eine vergleichsweise geringe Prävalenz, also Häufigkeit – anders als etwa Bluthochdruck oder, um im psychiatrischen Bereich zu bleiben, Depressionen. Schon dadurch ist die Ausgangslage für Studien eine andere.

Der zweite Punkt: Viele Kliniken tun sich schwer damit, eine solche Studie durchzuführen. Ein Argument ist, dass Menschen mit Anorexia nervosa, wenn es ihnen sehr schlecht geht, möglicherweise nur eingeschränkt in der Lage sind zu entscheiden, ob sie an einer Studie teilnehmen möchten. In der Folge werden sehr wenige Patientinnen und Patienten eingeschlossen. In England musste beispielsweise eine Studie zur tagesklinischen Behandlung abgebrochen werden, weil zu wenige Teilnehmende gewonnen werden konnten.

Wir selbst haben gerade unsere Home-Treatment-Studie abschließen können, in der wir 160 Patientinnen und Patienten einschließen konnten – das ist eine große Zahl, und es war sehr aufwendig. Denn anders als beim etablierten Goldstandard weiß man vorher nicht, ob die neue Therapie ebenso gut wirkt. Und man darf nicht vergessen: Die Anorexia nervosa ist eine Erkrankung, die im schlimmsten Fall tödlich verläuft. Wenn eine Therapie nicht greift, kann das gravierende Folgen haben. Das hält verständlicherweise sowohl Forschende als auch Betroffene zurück.

Inzwischen gibt es die Debatte, randomisiert kontrollierte Studien nicht mehr zur Voraussetzung für eine Behandlungsempfehlung zu machen. Wie bewerten Sie das?

Man muss das sehr differenziert sehen. Große Fachzeitschriften für Essstörungen argumentieren tatsächlich in diese Richtung. Auf der anderen Seite steht unser Gesundheitssystem: Damit eine Behandlungsmethode in die Regelversorgung übernommen werden kann, braucht es in aller Regel randomisiert kontrollierte Studien. Wir hoffen sehr, dass unser Home-Treatment-Ansatz irgendwann den Weg in die Leitlinien findet – jetzt sicher noch nicht.

Wenn man aber gar keine Studien mehr hat, und danach sieht es im Moment leider aus, dann wird es schwierig. In den letzten zehn Jahren gab es nur ganz wenige Studien, die sich überhaupt mit Behandlungsmethoden befasst haben. Unter anderem führt die Charité zurzeit eine große Studie zur Familienbasierten Therapie (FBT) an vielen Kliniken in Deutschland durch. Medikamentenstudien bei Anorexia nervosa klappen praktisch nie, weil sich kaum jemand daran beteiligen möchte. Und dann sucht man natürlich nach Wegen, einer Behandlungsmethode trotzdem einen Zugang zur Versorgung zu ermöglichen. Das ist eine sehr schwierige Abwägung.

Welche Änderungen werden den klinischen Alltag am stärksten beeinflussen?

Inzwischen sind die Empfehlungen zur Anorexia nervosa konsentiert. Besonders intensiv diskutiert und neu überarbeitet wurde das Thema Zielgewicht: Statt mit festen Perzentilenzielgrößen zu arbeiten, soll sich das Zielgewicht künftig an der individuellen „Lebenskurve“ der Patientin beziehungsweise des Patienten orientieren, also daran, auf welcher Perzentile die Person in ihrer gesunden Zeit gelegen hat. Auch die Empfehlungen zur Ernährungstherapie wurden gemeinsam mit Internisten und Ökotrophologen intensiv überarbeitet. Neu gefasst wurden außerdem Empfehlungen für schwere und chronische Verläufe der Anorexia nervosa, bei denen die Lebensqualität stärker in den Mittelpunkt rückt und das Gewicht weniger im Fokus steht. Hinzu kommen neue beziehungsweise überarbeitete Empfehlungen zu Sport – mit Integration in die Therapie statt eines generellen Verbots –, zur Prophylaxe und Therapie der Osteoporose sowie zum Einsatz von Olanzapin, für das kein grundsätzliches „Verbot“, sondern spezielle Indikationen formuliert werden. Für Oxytocin und die Cognitive Remediation Therapy gibt es keine Empfehlung. Auch die Empfehlung zur Zusammenarbeit mit Angehörigen wurde intensiviert.

Für den klinischen Alltag bleibt zudem wichtig: Nach den neuen Ergebnissen ist man davon abgekommen, die Ernährung nur in ganz kleinen Schritten aufzubauen. Die Studien zeigen, dass bestimmte Komplikationen, mit denen man früher immer gerechnet hat, gar nicht in der befürchteten Häufigkeit auftreten. Man kann Betroffene deshalb zügiger wieder in die Gewichtsrehabilitation bringen, was voraussichtlich zu einer Verkürzung stationärer Aufenthalte führen wird. Die Revision der Leitlinie insgesamt ist noch nicht abgeschlossen: Die Empfehlungen zu Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung sind konsentiert. Die Bereiche ARFID, körperliche Veränderungen und die übrigen Essstörungen stehen noch aus, sollen aber in allernächster Zeit konsentiert werden.

Warum ist unabhängige Forschungsförderung gerade im Bereich der Essstörungen so wichtig?

Ich bin sehr dankbar, dass Sie dieses Thema aufgreifen. Die Forschung zu Essstörungen wird in Deutschland derzeit durch staatliche Institutionen viel zu wenig unterstützt. Wenn man auf andere psychiatrische Krankheitsbilder schaut – Depressionen, Psychosen, Autismus –, findet man dort sehr viel mehr Unterstützung. Dabei sind Essstörungen sehr häufig und betreffen sehr viele Menschen. Hinzu kommt, dass die Statistiken des Statistischen Bundesamtes eine deutliche Zunahme in den jungen Altersstufen zeigen, bei den 10- bis 17-Jährigen.

Deshalb ist es absolut wichtig, dass wir zu Ursachen und zu Therapien forschen können. Und wir sind sehr dankbar, wenn dafür auch andere Quellen als die staatlichen Institutionen zur Verfügung stehen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Forschungslücken bei der Anorexia nervosa?

Da spreche ich ein Stück weit in eigener Sache. Eine sehr große Lücke betrifft die Behandlung der Anorexia nervosa im Kindesalter. Zu der Behandlung sehr junger Betroffener gibt es kaum belastbare Forschung und entsprechend keine gesicherten Ergebnisse. Das Problem ist: Die jüngsten Betroffenen haben die ungünstigste Prognose. Die besten Aussichten haben Jugendliche, danach kommen Erwachsene – und am schlechtesten sieht es bei den Kindern aus. Hier wäre Forschung unglaublich wichtig.

Ein zweites Feld ist die sogenannte serious and enduring anorexia nervosa, also schwere, lang andauernde Verlaufsformen. Da sind wir unsicher, welche Therapieangebote helfen können und welche Maßnahmen zumindest die Lebensqualität verbessern. Das beschäftigt uns sehr.

Und drittens die Frage, ob es zusätzliche körperbezogene Behandlungsmöglichkeiten gibt. Dazu gehört die in Essen von Professor Hebebrand entwickelte Leptin-Gabe – das sollte man weiterverfolgen. Und der neue Lehrstuhlinhaber, Professor Seitz, forscht zum Mikrobiom. Auch da tun sich viele Möglichkeiten auf.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Vorhaben: Revision der S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“ Antragstellende Institution: Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) Projektleitung: Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann Kooperationspartner an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen: Prof. Dr. Jochen Seitz, Prof. Dr. Martin Teufel Projektlaufzeit: September 2023 bis voraussichtlich Ende 2026

Die Fördermittel der Deutschen Stiftung Magersucht fließen in die systematische Aufarbeitung offener Behandlungsfragen nach GRADE-Kriterien – unter anderem zum Wiederernährungsprozess, zur individuellen Bestimmung des Zielgewichts, zur Therapie bei lang andauernden und schweren Verläufen, zu medikamentösen Therapien sowie zu Schaden und Nutzen von Sport. Nach den Vorgaben der AWMF müssen mindestens 50 % der Aussagen einer Leitlinie nach GRADE-Kriterien gestützt sein, damit der S3-Status erhalten bleibt.

Medizinische Leitlinien werden in Deutschland von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) in vier Qualitätsstufen eingeteilt. S3 ist die höchste Stufe: Alle Empfehlungen müssen auf einer systematischen Recherche und Bewertung der wissenschaftlichen Literatur beruhen und in einem strukturierten Konsensverfahren verabschiedet werden – unter Beteiligung aller relevanten Fachgruppen sowie von Betroffenen und Angehörigen.

DSM-ForschungsCall Anorexia 2026

Diese fünf Projekte fördert die Stiftung

Die Deutsche Stiftung Magersucht fördert fünf Forschungsprojekte, in denen Kliniken und Universitäten aus ganz Deutschland zusammenarbeiten. Alle fünf Vorhaben knüpfen an die überarbeitete S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“ an, die voraussichtlich Ende 2026 fertiggestellt wird.

Der Gedanke dahinter: Eine Leitlinie ist erst dann wirksam, wenn ihre Empfehlungen auch in der Praxis ankommen. Genau dort setzen die geförderten Projekte an – bei der Frage, was Kliniken für die Umsetzung brauchen, wie Behandlungsformen aus der Forschung in die Regelversorgung gelangen und wie Übergänge zwischen Versorgungsbereichen besser gelingen können.

Gefördert werden ausschließlich Kooperationsprojekte: Jedes Vorhaben verbindet mindestens drei Standorte, und satzungsgemäß ist die Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen an jedem Projekt beteiligt. Zielgruppe der Ausschreibung sind Forschende in einer frühen Karrierephase. Die Förderdauer beträgt zwölf Monate; das Gesamtvolumen der Ausschreibung liegt bei 100.000 Euro.

1. Sport und Bewegung in der Anorexie-Therapie: Was Kliniken für die Umsetzung brauchen

Projekt: Implementierbarkeit sporttherapeutischer Programme in der stationären Versorgung von Patient:innen mit Anorexia nervosa Projektleitung: Dr. Jana Milena Egenolf, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg

Bei einer Anorexia nervosa ist der Umgang mit Sport und Bewegung häufig ein schwieriges Thema – für Betroffene ebenso wie für die Behandelnden. Ein Teil der Erkrankten entwickelt ein zwanghaft-exzessives Bewegungsverhalten, das den Behandlungsverlauf erheblich erschweren kann. In den vergangenen Jahren sind in Deutschland Manuale für spezifische sporttherapeutische Interventionen entwickelt worden und in der überarbeiteten S3-Leitlinie wird dazu erstmals eine eigene Empfehlung aufgenommen.

Damit stellt sich eine Frage, die mit dem Inhalt der Empfehlung wenig zu tun hat: Kommt sie in der Klinik überhaupt an? Erfahrungsgemäß scheitert die Umsetzung neuer Empfehlungen selten am fachlichen Gehalt, sondern an Strukturen, Zuständigkeiten, fehlendem Personal oder Unsicherheit im Team.

Was das Projekt untersucht

Das Vorhaben schaut deshalb bewusst vor der Einführung hin. An sechs Kliniken – vier universitären und zwei außeruniversitären – werden strukturierte Team-Workshops durchgeführt, an denen Fachkräfte aus dem ärztlichen und pflegerischen Bereich, der Physio- und Bewegungstherapie, der Sozialarbeit sowie aus Spezialtherapien teilnehmen. Ergänzend werden weitere auf Essstörungen spezialisierte Kliniken per Fragebogen befragt.

Erfasst wird dabei dreierlei: Wie gehen Kliniken bislang mit problematischem Bewegungsverhalten um? Welche Hürden und welche förderlichen Bedingungen erwarten die Teams bei der Einführung eines strukturierten Programms? Und wo genau besteht Schulungsbedarf – bei der Diagnostik, bei der Indikationsstellung oder bei der Durchführung? Methodisch orientiert sich die Studie am Consolidated Framework for Implementation Research (CFIR), einem international etablierten Rahmenwerk der Implementierungsforschung.

Warum das für Betroffene und Angehörige relevant ist

Bislang hängt es stark von der einzelnen Klinik ab, wie das Thema Bewegung in der Behandlung aufgegriffen wird. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, dass der Umgang damit fachlich fundierter, einheitlicher und für alle Beteiligten nachvollziehbarer wird.

Projektsteckbrief Kooperationspartner: LVR-Universitätsklinik Essen (Prof. Dr. med. Martin Teufel) · Universitätsklinikum Tübingen (Prof. Dr. med. Stephan Zipfel) · Universitätsklinikum Heidelberg (Prof. Dr. med. Hans-Christoph Friederich) · Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm (Prof. Dr. med. Harald Gündel) · Werner Schwidder Klinik, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Bad Krozingen (Dr. med. Axel Müller) · Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Kreiskrankenhaus Emmendingen, Zentrum für Psychiatrie Emmendingen (Dr. Juliane Läuger) · wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. med. Almut Zeeck, Universitätsklinikum Freiburg Laufzeit: zwölf Monate

Projekt: S3-AI-Guide – Entwicklung eines halluzinationsfreien, LLM-basierten Dialogsystems zur interaktiven Verbreitung der S3-Leitlinie Anorexia nervosa Projektleitung: Dr. Arne Doose, Bereich Psychosoziale Medizin und Entwicklungsneurowissenschaften, Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden

Eine S3-Leitlinie ist ein umfangreiches Dokument. Im Behandlungsalltag, in dem Entscheidungen oft unter Zeitdruck fallen, ist die passende Empfehlung darin nicht immer schnell zu finden. Das Wissen ist vorhanden – der Weg vom PDF an das Krankenbett ist lang.

Was das Projekt entwickelt

Das Vorhaben entwickelt ein Dialogsystem, mit dem Behandelnde der Leitlinie in normaler Sprache Fragen stellen können. Entscheidend ist dabei die Sicherheitsarchitektur. Frei verfügbare KI-Systeme wie ChatGPT beziehen ihr Wissen aus riesigen Trainingsdatensätzen und neigen dazu, plausibel klingende, aber falsche Aussagen zu erzeugen – im medizinischen Kontext ein ernstes Risiko. Hinzu kommen Datenschutzbedenken bei cloudbasierten Diensten.

Der S3-AI-Guide geht deshalb einen anderen Weg: Das System wird auf Open-Source-Modellen aufgebaut und lokal auf der Hardware des Else Kröner Fresenius Zentrums für Digitale Gesundheit in Dresden betrieben, sodass keine Daten das Haus verlassen. Jede Antwort wird an den Originaltext der Leitlinie rückgebunden und bleibt damit nachprüfbar. Ziel ist ein Werkzeug, das nichts hinzuerfindet, sondern zuverlässig auf das verweist, was tatsächlich in der Leitlinie steht.

Wichtig zur Einordnung

Das System richtet sich an Fachpersonen. Es ist kein Beratungs- oder Behandlungsangebot für Betroffene und ersetzt weder ärztlichen Rat noch Therapie. Der erhoffte Nutzen für Patientinnen und Patienten liegt indirekt darin, dass Behandlungsentscheidungen häufiger dem aktuellen Stand der Leitlinie entsprechen.

Projektsteckbrief Kooperationspartner: LVR-Universitätsklinik Essen, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (M.Sc. Psych. Tania Josan Lalgi) · EKFZ Digital Health, TU Dresden (Prof. Dr. med. Jakob Nikolas Kather) · wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. med. Ph.D. Stefan Ehrlich, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden Laufzeit: zwölf Monate

Projekt: Home Treatment bei adoleszenter Anorexia nervosa – eine qualitative Studie zu den Erfahrungen von Patient:innen, Betreuungspersonen und Therapeut:innen Projektleitung: Dr. Ingar Marie Zielinski-Gussen, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, LVR-Universitätsklinik Essen

Vor Kurzem wurde die weltweit erste randomisiert-kontrollierte Studie zum Home Treatment bei jugendlicher Anorexia nervosa abgeschlossen: Ein Teil der Behandlung findet dabei nicht in der Klinik, sondern in der häuslichen Umgebung der Familie statt. Die Ergebnisse fielen positiv aus – gemessen wurde allerdings vor allem in Zahlen: Gewichtsverlauf, Symptomatik, Begleiterkrankungen.

Was diese Studie nicht erfassen konnte, ist die Erfahrung der Beteiligten. Wie erleben Jugendliche eine Behandlung, die in ihr Zuhause kommt? Was bedeutet das für Eltern? Und welche Erfahrungen machen Therapeutinnen und Therapeuten, die in diesem Setting arbeiten?

Was das Projekt untersucht

In halbstrukturierten Interviews werden drei Gruppen befragt: zehn Patientinnen und Patienten, zehn Elternteile und fünfzehn Behandelnde. Die Auswertung erfolgt mittels reflexiver thematischer Analyse, einem etablierten Verfahren der qualitativen Forschung. Diese Mehrperspektivität ist der Kern des Projekts – sie macht sichtbar, wo Einschätzungen auseinandergehen und wo alle Beteiligten dasselbe erleben.

Im ersten Quartal stehen Vorbereitung und Ethikantrag an, danach folgen Durchführung und Auswertung der Interviews; zum Abschluss werden konkrete Empfehlungen für die Weiterentwicklung und Implementierung des Home Treatment abgeleitet.

Warum das wichtig ist

Damit eine neue Behandlungsform Eingang in die Regelversorgung findet, reichen quantitative Wirksamkeitsnachweise allein nicht aus. Es braucht auch Wissen darüber, ob sie für die Betroffenen tragbar und im Alltag umsetzbar ist. Genau diese Evidenz soll das Projekt liefern – als Grundlage dafür, das Home Treatment perspektivisch in der Leitlinie zu verankern.

Projektsteckbrief Kooperationspartner: LWL-Universitätsklinik Hamm (Prof. Dr. Tanja Legenbauer) · LVR-Klinik Bonn (Dr. med. Ulf Thiemann) · LVR-Klinik Viersen (Dr. med. Freia Hahn) · Universitätsklinikum Münster (PD Dr. med. Manuel Föcker) · Uniklinik RWTH Aachen (Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann, Dr. med. Brigitte Dahmen) Laufzeit: zwölf Monate

Projekt: LINA – Leitlinienorientiertes Intensivprogramm Anorexia nervosa: Konzeptentwicklung zur ambulanten Weiterbehandlung in der Transitionsphase Projektleitung: Nadine Vietmeier, M.Sc., Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Evangelisches Klinikum Bethel / Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Rund um den 18. Geburtstag steht für viele junge Menschen der Wechsel von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenversorgung an. Für junge Menschen mit einer Anorexia nervosa fällt dieser Wechsel häufig in eine ohnehin fragile Phase des Krankheitsverlaufs. Behandlungskonzepte, Ansprechpersonen und Rahmenbedingungen ändern sich gleichzeitig – und nicht selten reißt die Behandlung an dieser Stelle ab.

Die S3-Leitlinie betont die Bedeutung einer kontinuierlichen Behandlung und empfiehlt, Übergängen zwischen Behandlungssettings besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Für diese Lebensphase existiert bislang kein strukturiertes ambulantes Intensivprogramm.

Was das Projekt entwickelt

Das Vorhaben überträgt ein bewährtes Modell auf ein neues Feld: Am Evangelischen Klinikum Bethel ist das Bielefelder Intensivprogramm für Depressionen (BID) etabliert – ein strukturiertes, zeitlich begrenztes, multimodales Behandlungsformat, das intensiv, aber ambulant durchgeführt wird. Geprüft wird, welche Struktur- und Prozessmerkmale dieses Modells sich auf die Behandlung der Anorexia nervosa im Transitionsalter übertragen lassen.

Das Projekt ist dreistufig angelegt. In der Analysephase werden die relevanten Leitlinienempfehlungen systematisch ausgewertet und leitfadengestützte Gespräche mit Betroffenen, Eltern bzw. Bezugspersonen sowie mit Behandelnden aus beiden Versorgungssystemen geführt, um die zentralen Übergangsprobleme zu identifizieren. Darauf aufbauend folgen die partizipative Manualisierung des Behandlungskonzepts mit Pilotierung einzelner Bausteine.

Warum das wichtig ist

Am Ende der zwölf Monate steht kein fertiges Versorgungsangebot, sondern ein ausgearbeitetes, manualisiertes Konzept – die Voraussetzung dafür, dass ein solches Programm später erprobt, evaluiert und breiter eingeführt werden kann.

Projektsteckbrief Kooperationspartner: Psychiatrische Institutsambulanz, Evangelisches Klinikum Bethel (Univ.-Prof. Dr. med. Katja Kölkebeck) · LVR-Universitätsklinik Essen / Universität Duisburg-Essen (Univ.-Prof. Dr. med. Jochen Seitz) · Universitätsklinikum Erlangen (Dr. Valeska Stonawski) · wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. Stefanie Horndasch Laufzeit: zwölf Monate

Projekt: BRIDGE-ED – Der Transitionsprozess bei Patientinnen und Patienten mit Essstörungen von der Jugend zum Erwachsenenalter: eine multizentrische Erhebung Projektleitung: Dr. Johanna Keeler, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, LVR-Universitätsklinik Essen / Universität Duisburg-Essen

Dass der Übergang von der Jugend- in die Erwachsenenversorgung eine kritische Phase ist, ist in der Fachwelt unbestritten. Belastbare Zahlen dazu gibt es allerdings kaum. Bekannt ist das Problem vor allem aus Berichten von Patientinnen und Patienten, die sich in dieser Phase schlecht begleitet fühlten – oder ganz aus der Versorgung fielen. Wie viele es sind und woran es im Einzelnen liegt, ist bislang nicht systematisch untersucht.

Was das Projekt untersucht

BRIDGE-ED erhebt an mehreren Standorten prospektive und retrospektive Daten von jungen Menschen im Alter von 16 bis 23 Jahren, die kurz vor dem Übergang stehen oder ihn bereits hinter sich haben. Mittels standardisierter Fragebögen werden die Faktoren erfasst, die den Wechsel unterstützt oder erschwert haben – klinische, strukturelle und psychosoziale gleichermaßen.

Ausdrücklich einbezogen wird die Perspektive der Eltern. Gerade für das Verständnis unterstützender Faktoren im Übergang ist sie zentral, bislang aber kaum empirisch untersucht.

Warum das wichtig ist

Das Projekt soll die empirische Grundlage dafür schaffen, dass Übergänge künftig strukturiert gestaltet statt dem Zufall überlassen werden. Die Ergebnisse sind so angelegt, dass sie in die Weiterentwicklung leitlinienrelevanter Empfehlungen einfließen können.

Projektsteckbrief Kooperationspartner: Schön Klinik Roseneck, Prien am Chiemsee (Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer) · LMU Klinikum München Laufzeit: zwölf Monate